supergeil! Oder: Wem’s gefällt …

Ich bin ein großer Fan der Edeka-TV-Werbung. Doch damit wird man die zukünftigen Käufergruppen (oder wäre es besser, von Käuferschichten zu sprechen?) der Eigenmarken-Produkte wohl kaum im Web erreichen. Mit “supergeil” sehe ich da mehr Chancen. Denn wie sagte schon mein erster Agentur-Chef: “Der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken.”

Es ist so selbstverständlich und dennoch gibt es kaum einen Grundsatz, gegen den so häufig bei PR- und Kommunikationsmaßnahmen verstoßen wird. Gerade letzte Woche erlebte ich, wie zwei Kreative mir einen siebeneinhalbminütigen Erklärfilm präsentierten, der im Clipart-Stil Hauptschüler zu einer Ausbildung bei der Diakonie mit Upgrade auf einen
Realschulabschluss bewegen soll. Nicht, dass der Film schlecht gemacht gewesen wäre. Trotz der Länge war er kurzweilig. Er war verständlich. An der einen oder anderen Stelle sogar witzig. Doch auf die Frage, wo denn die Zielgruppe diesen Film sehen sollte, gab es keine Antwort. Für Kinowerbung zu lang, für Youtube zu trocken, als Film für die Website der Diakonie eigentlich auch zu lang. Aber beim Kunden kam er bestimmt gut an. Ich kann mir vorstellen, wie die Damen und Herren sich über dieses mutige und moderne Kommunikationsmittel gefreut haben.

Kurz vor der Präsentation hatte ich auf meinem Tablet den “Coca Cola Media Guard” gesehen.

Sicherlich auch nicht geeignet, um die Whatsapp-Generation zu begeistern – doch die langsam in die Jahre kommenden Google-Kinder spricht er sicherlich an. Schon, weil es mal ein augenzwinkernder Ansatz für die Kritik an der 24/7-Social-Media-Nutzung ist.

Edekas “supergeil” führte gestern am schön gedeckten Frühstückstisch zu Diskussionen. “Hast du den geilen Film von Edeka gesehen?” fragte ich meine Frau während ich mir eine Scheibe Wildlachs aufs knackige Brötchen legte. Sie ließ den Löffel ins Glas mit Edelkastanien-Honig vom Imker zurücksinken und schaute mich mit abfälligem Blick an: “Den fand ich doof, schon wie er sich die Milch und das Müsli in die Badewanne kippte – das macht man mit Lebensmitteln nicht!” Als ich den Film sah, habe ich schon an die vor wutschäumenden Emanzen gedacht, weil Edeka hier sexistische Werbung machen würde. Wenn man die Zitate in dieser Persiflage auf klassische Werbung nicht erkennt, bekommt man sicherlich keinen Zugang zu “supergeil”. Für mich bleibt die Frage: Wer ist die Zielgruppe? Angehörige der Kreativwirtschaft? Oder die zukünftigen Käufer der Eigenmarken-Produkte? Oder erreicht der Film durch vordergründigen und subtilen Witz vielleicht sogar beide?

 

Jens Voshage