Eine Lanze gebrochen für den Klatsch (und den Flurfunk)

Heute wird Wäsche nicht mehr im Zuber gewaschen und zum Trocknen “geklatscht”. Aber “klatschende Waschweiber”, die gibt es heute auch noch.


Ein Freund, der in einer großen Behörde arbeitet, fragte mich neulich, was er denn gegen den Flurfunk in seinem Unternehmen tun könne. Ständig würden da Gerüchte produziert und was das an Arbeitszeit koste.
Meine Antwort war: „Nichts, mach bitte nichts gegen den Flurfunk, sondern nutze ihn für dich!“


Nach einem kleinen Exkurs über den Klatsch erzähle ich in diesem Blogpost an zwei Beispielen, wie wir den Flurfunk und den Klatsch für die interne Kommunikation genutzt haben.

Flurfunk ist ein Medium der internen Kommunikation, Klatsch sein Instrument

Es war nicht das erste Mal dass ich diese Klage hörte. Da will man den Flurfunk kontrollieren oder sogar verbieten (was sicherlich gar nicht geht). Dabei sind der Flurfunk, der Plausch in der Teeküche und das Gespräch in der Cafeteria wichtige Formen der internen Kommunikation, die man sogar für sich nutzen könnte. Und vor allem sind es wichtige Indikatoren, um die “wirkliche” Stimmung in einem Unternehmen zu messen.

Klar, ein Gutteil des Flurfunks besteht aus Klatsch, aber dennoch kommen die Mitarbeiter bei ihren Gesprächen immer wieder am Ende auf den Job, das Unternehmen und die Aufgaben, an denen sie gerade arbeiten.

Kleiner Exkurs über den Klatsch


Als kleinen Exkurs will ich deshalb mal eine Lanze für den Klatsch brechen.
Klatsch als Wort kommt von dem Geräusch, das die nasse Wäsche der Waschweiber am Zuber macht. „Klatsch ist eine Form der gesellschaftlichen Unterhaltung, bei der absichtsvoll Informationen über nicht anwesende Personen ausgetauscht werden. Neben der Bedeutung ‚trivial’ steht Klatsch aber auch ausdrücklich für ‚Gerücht’, also Unbelegbares, bis hin zu beabsichtigt Falsches.“ Wikipedia
Es ist ein bisschen merkwürdig. Jeder Mensch klatscht, unabhängig von seinem Alter, seinem Geschlecht und seiner Herkunft, und doch ist privater Klatsch verpönt – im Gegensatz zu dem allseits beliebten Prominentenklatsch.
Es gibt durchaus regionale Unterschiede beim Klatschen. Auf dem Balkan klatscht man ganz offen und indiskret. In Deutschland fürchtet man den Klatsch und betreibt ihn möglichst taktvoll. Muslime dürfen während des Fastenmonats Ramadan angeblich gar nicht klatschen.

Dem Klatsch eine Chance, im Flurfunk


Klatsch ist ja auch nicht unbedingt nett. „Du hast etwas nicht Nettes über jemanden zu erzählen? Komm, setz dich zu mir.“ Dieser Satz ist von Präsident Roosevelts Tochter Alice überliefert. Klatsch betrachtet nur die Fehler des anderen. Er dringt in die Privatsphäre des anderen ein. Klatsch ist von Häme, Spott und Hohn geprägt. Für den Klatsch zählt nur das Pikante, das Befremdliche, das Unschickliche, das Absonderliche. Im Klatsch wird spekuliert, dramatisiert und skandalisiert. Klatsch ist ein Mittel der Rufschädigung. Im Klatsch steht die Integrität desjenigen, über den geklatscht wird, auf dem Spiel. Aber der Klatsch hat auch etwas Gutes: Das sieht auch der Soziologe Jörg Bergmann, der in dem Standardwerk „Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion“ unseren täglichen Klatsch in seiner ganzen Widersprüchlichkeit beschrieben hat: “Indem zwei Personen miteinander klatschen, produzieren und reproduzieren sie zwischen sich eine soziale Beziehung mit einem hohen Intimitätsgrad.”
Jede Gemeinschaft hat Normen, die befolgt werden müssen. Geraten diese Normen in Gefahr, etwa durch “verdächtiges” Verhalten einzelner Mitglieder, muss die Gemeinschaft reagieren. Klatsch ist dabei eine höchst effektive Waffe, mit der “verirrte” Mitglieder eines sozialen Netzwerkes in ihre Schranken gewiesen werden können.
In einer Zeit der Selfies und unerträglichen Eitelkeit in der Selbstdarstellung sollte der Klatsch, der sich noch nie von irgendeiner Fassade hat täuschen lassen, mehr denn je betrieben werden. Um einen Ausgleich zu schaffen, um diejenigen, die in der Vermarktung des eigenen Selbst zu weit gehen, in ihre Schranken zu weisen, und uns endlich eine Pause zu gönnen von der endlosen presentation-of-self.
Also gebt dem Klatsch eine Chance, und lasst den Flurfunk in euren Unternehmen in Ruhe.

Und wenn ihr ihn für eure Zwecke nutzen wollt… fragt uns.

Zwei Beispiele, wie wir den Klatsch und den Flurfunk genutzt haben. Fall Eins: der Umzug

Einer unserer Kunden wollte den Standort seines Headquarters von der Peripherie ins Zentrum der Großstadt verlegen. Außerdem wollte er dort “Lounge-Büros” einrichten. Eins A Kommunikation sollte diesen Change-Prozess kommunikativ begleiten. Die Geschäftsführung hatte ein “ungefähres Gefühl”, dass nicht alle Mitarbeiter über den Umzug begeistert sein würden, obwohl er objektiv betrachtet viele Vorteile bringen würde. Wir machten den Vorschlag, dass unsere Berater durch das Unternehmen ziehen und anonymisierte Interviews machen würden. Das kündigten wir vorher im Intranet an. Unsere Berater gingen also in dem 600-Personen-Unternehmen durch die Teeküchen, die Caféteria, die Raucherecke und andere Stätten des Klatsches und Flurfunkes. Dabei erfuhren wir viel Interessantes, viele Mitarbeiter hatten Angst, dass sie in der Innenstadt keine Parkplätze mehr finden würden, man hielt die Lounge-Büros für böse Großraumbüros und fürchtete, dass sie nur der Überwachung durch den Vorstand dienen sollten. Die Ergebnisse trugen wir zusammen und planten gemeinsam mit der Task Force Umzug Gegenmaßnahmen gegen die Befürchtungen der Mitarbeiter.

Heute ist der Umzug Geschichte, und die meisten Mitarbeiter sehnen sich nicht nach dem Stadtrand zurück.

Fall Zwei: dein Vorstand, das unbekannte Wesen

Im anderen Fall wollte der Vorstand einer Konzernzentrale gerne wissen, was die Mitarbeiter von ihm halten. Er war gerade ein Jahr in dem Unternehmen und war als “Fremdgewächs” und Branchenfremder hereingekommen. Es gab Gerüchte, dass der neue Vorstand arrogant sei (den Eindruck machte er auf uns nicht), immer alleine im Fahrstuhl fahre (stimmte nicht) und sich in der Vorstandsetage einschließe (stimmte, aus Sicherheitsgründen war das nötig). Auch in diesem Fall machten wir Interviews, indem wir uns mit bestimmten Meinungsbildnern in der Caféteria zusammensetzten und plauderten, ohne Notizblock, ohne Aufzeichnungen. Dabei kam “Hanebüchenes” zutage. Wir wussten: Der neue Vorstand musste mehr “Nähe” zeigen. Wir stellten ihm ein Bündel von Massnahmen zusammen, zwei davon seien hier erwähnt: Zunächst machten wir in der Mitarbeiterzeitung eine Homestory mit dem Vorstand, er machte regelmäßige Mittagessen mit Mitarbeitern, zu denen man sich anmelden konnte, und immer freitags nachmittags ging unser Vorstand kurz vor Feierabend durch die Gänge (die Holding hatte etwa 300 Mitarbeiter) und verwickelte Mitarbeiter, die er traf in ein kurzes Gespräch. Nicht selten erfuhr er dabei von Missständen, die er sonst nie erfahren hätte. Er wurde ein Vorstand zum Anfassen. Klatsch sei Dank.


Thorsten Windus-Dörr

Hier beschäftigt sich der Spiegel mit dem Flurfunk.