Vom Duzen, Siezen und Ihrzen – Ein Thema, das anscheinend alle Jahre mal wieder auftaucht…

(veröffentlicht am 6. Juni 2020, ergänzt am 9. November 2020)

Dieses Mal bei der DPRG, der Deutschen Public Relations Gesellschaft:

… über sechs Jahrzehnte gab es in der Ansprache von DPRG-Mitgliedern in Einladungen und Dialogen fast ausschließlich das formelle “Sie”. Dann kamen die neue DPRG-App DPRG.mobil und die sozialen Medien, in denen mehr oder weniger durchgehend gedutzt wird. Einzelne Landesgruppen und Arbeitskreise sind ebenfalls zum kollegialen “Du” übergegangen. In Zeiten der Corona-Online-Kommunikation hat es das gute alte “Sie” immer schwerer. Wie empfinden Sie die neue Lockerheit? Wir bitten Sie um Ihre Stimme – oder Deine, wie gewünscht. Über das Ergebnis der Umfrage berichten wir im nächsten DPRG Journal und natürlich in unserer App.

… und neulich bei XING:

„(…) vielleicht hast Du es ja schon gelesen: wir führen auf der XING Plattform jetzt offiziell das „Du“ ein. Ab sofort werden wir alle unsere rund 18 Mio. Mitglieder auf xing.com, in unseren Apps, E-Mails und auch am Telefon mit Vornamen und „Du“ ansprechen.  

Nicht nur wir fühlen uns damit deutlich wohler, sondern auch der Großteil unserer Mitglieder. Eine überwältigende Mehrheit sagt „ja“ zum „Du“ und wünscht sich eine lockerere Ansprache auf XING.
Sabrina von XING“

Das fand ich neulich in meinem E-Mail-Briefkasten. Dabei musste ich wieder daran denken, dass diese Diskussion mich eigentlich schon sehr sehr lange verfolgt…

Im letzten Jahr erzählte uns eine Praktikantin von ihrer Mutter, die sich bitterlich darüber beklagte, dass sie im Ökosupermarkt im fernen Sehnde geduzt werde. Und kurz darauf saß der Marketingmitarbeiter eines Kunden (Mitte 20, Pudelmütze, Vollbart) vor uns und fragte, ob wir uns nicht duzen wollen. „Wenn wir zwei alte Säcke dich nicht abschrecken…“ war meine Antwort.

Und vor einigen Jahren hatten wir eine blutjunge Praktikantin (17, ich hatte die Erinnerung an sie eigentlich verdrängt), die sich anfangs ganz schwer damit tat, uns zu siezen, deshalb versuchte sie es eine Weile mit dem Ihrzen.

Als Lehrbeauftragter am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung tat ich mich Anfang der 2000er Jahre mit dem kollektiven Duzen der Studenten schwer. Jahrelang hatte ich gelernt, dass gerade bei Auszubildenden das Siezen ein Akt der Wertschätzung sei…

Es ist die Frage nach dem Duzen, die mich immer wieder mal beschäftigt. Erst neulich ertappte ich mich wieder dabei, dass ich einen Nachbarn siezte, obwohl wir uns doch beim letzten Straßenfest bereits geduzt hatten. Er sah aber auch genauso aus wie Menschen, die ich mit 20 siezte. Würde ich mir selber heute auf der Straße begegnen, ich hätte wahrscheinlich das gleiche Problem.

Die Referendare in der Schule der 70-er und die Junglehrer, die forderten uns auf, sie zu duzen. Das war uns suspekt, denn wir kannten den Lehrer nur als natürlichen Feind. In den 80-ern auf der Uni duzten sich alle, Professoren, Dozenten, Hiwis und Studenten. Das ging meinem Freund ErEss und mir so auf den Geist, dass wir uns das „Sie“ anboten. Damit erregten wir Aufmerksamkeit in den Seminaren.

Es handelt sich also um ein Lebensthema. Verwendet man als Heranwachsender das Sie aus falschem Respekt gegenüber älteren Mitmenschen viel zu häufig, kehrt es sich gegen Lebensmitte um: Das Du wird plötzlich zum Beweis, dass man noch nicht zum alten Eisen zählt. Siezt einen ein Backpacker, dann kann man sich eigentlich schon mal bei der Prostatavorsorge anmelden.

Merkwürdig war ein Erlebnis in Mexiko. Touristen, die sich am Frühstücksbüffet noch gesiezt hatten, redeten sich zwei Stunden später ohne vorherige Absprache auf der Hochebene mit Du an. Seither versuche ich die Duz-Grenze zu lokalisieren, an der die Konventionen fallen. Sie liegt irgendwo bei 700 Höhenmetern. Wer immer die Duz-Gesetze festlegt (SPD: Du, CDU: Sie, Fitness-Studio: Du, Krankenkasse: Sie), in der Sauna, wo man es am ehesten erwarten müsste, sitzen sich nackte Menschen gegenüber und siezen sich.

Manchmal hilft übrigens tatsächlich das „Ihrzen“. In bäuerlichen Gegenden noch sehr verbreitet nimmt der Landwirt damit seinem städtischen Gegenüber die Peinlichkeit der Entscheidung ab: „So seids ihr auch einmal wieder hier heroben?“ – „Jo, sind wir“, lautet die korrekte Antwort in Majestätsform.

Neulich erzählte mir ein Freund, Schüler seines Kurses über „die Grundlagen der Reportage“ duzte er schon am ersten Tag ohne Umschweife. Die fanden das prima. Nur glaubten sie in der Folge, seine Kritiken an ihren abgelieferten Texten seien Diskussionsbeiträge und keine Direktiven. Das Missverständnis ließ sich nicht wieder ausräumen.

Unsere Praktikantin und ich kamen übrigens zu dem Schluss, dass das Thema sich wahrscheinlich in zehn Jahren erledigt haben werde und alle sich duzen. Sollte die Xing-Mail also der Durchbruch sein?

Nun, so ganz sicher bin ich nicht, denn am Ende ruderte Sabrina von Xing doch wieder etwas zurück:

„In der Kommunikation rund um unsere Unternehmenslösungen sieht die Sache (noch) ein bisschen anders aus. Deshalb bleibt das „Sie“ hier erst mal Standard. Im direkten Kontakt mit unseren Kundenberater*innen haben die Beteiligten aber natürlich weiterhin alle Freiheiten, sich auch schon jetzt für das „Du“ zu entscheiden.“

Alles klar?

Thorsten Windus-Dörr von Eins A