75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus: 8. Mai

Immerhin. Auf unserem Bürokalender ist der 8. Mai schon als Feiertag verzeichnet.

(Lesezeit: 10 Minuten) Ein Tag mit ergreifender Geschichte – warum der 8. Mai das Potential zum gesetzlichen Feiertag in Deutschland hat und man die Geschichte dahinter nicht vernachlässigen sollte.

Lange Zeit wenig beachtet und dennoch ein Tag mit hoher geschichtlicher Bedeutung, der 8. Mai. In vielen europäischen Ländern ist er ein Gedenk- und Feiertag, der an den Sieg über den Faschismus und das Ende des zweiten Weltkrieges erinnern soll. Trotz seiner großen geschichtlichen Bedeutung für Europa und insbesondere für Deutschland konnte sich der 8. Mai in der Bundesrepublik noch nicht als einheitlicher gesetzlicher Feiertag durchsetzen. Dies mag zum einen daran liegen, dass sich die Länder bis heute nicht einig sind, welcher Tag denn nun genau das Ende des Zweiten Weltkrieges markiert und dass Deutschland lange brauchte, um sich der Bedeutung des Tages klar zu werden.

Anlässlich des 75. Jahrestages der Kapitulation der Wehrmacht und angesichts des Vorstoßes der Ausschwitz-Überlebenden Esther Bejarano wurde in Deutschland in diesem Jahr die Debatte wieder angestoßen, den „Tag der Befreiung“ zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. Viel Zuspruch erhält dies von den Politikern in Berlin, darunter auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt und FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. Zudem können sich die Berliner in diesem Jahr über einen weiteren Feiertag freuen. Denn die Berliner Landesregierung sprach sich dafür aus, den 8. Mai.2020 einmalig als gesetzlichen Feiertag begehen zu lassen. Als Erinnerung an die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Doch wofür steht der 8. Mai eigentlich genau, welche genaue Bedeutung steckt hinter diesem Datum, das viele auch als „Tag der Befreiung“ bezeichnen? Und wie kam es dazu, dass gerade in Deutschland der Tag nicht als Befreiung gesehen wurde?

Ein Blick in die Vergangenheit soll Aufschluss geben.

Am 8. Mai vor genau 75 Jahren kam es zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, der zweite Weltkrieg war beendet und Europa vom Faschismus befreit. Ein Gefühl der Erleichterung über das Ende des Krieges stellte sich ein, mischte sich bei den meisten Deutschen dennoch mit einer Ungewissheit und Angst vor der Zukunft. Es begann eine Zeit, in der sich Deutschland einem Frieden gegenübersah, der vorgegeben wurde und keinen Widerspruch zuließ. Die Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich teilten Deutschland in vier Besatzungszonen sowie Berlin in vier Sektoren auf und bestimmten über die wirtschaftlichen und politischen Grundsätze ihrer gemeinsamen Deutschlandpolitik. Sie hatten ihr Ziel erreicht, den Sieg über Deutschland. Was danach kam, war jedoch von beträchtlichen Unterschieden geprägt. Während die Westmächte den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft im Sinn hatten, führte die Sowjetunion in der „Ostzone“ eine sozialistische Diktatur ein. Der Grundstein für die spätere Teilung Deutschlands wurde damit gelegt und der Neuanfang der beiden deutschen Länder war somit vom beginnenden Kalten Krieg geprägt. 

Für Millionen Deutsche bedeutete das Ende des Krieges den Beginn jahrelanger Kriegsgefangenschaft, Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat, Haft und Hunger. Rund 11,5 Millionen Deutsche wurden in Kriegsgefangenschaft genommen, wo Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit zum Tode Tausender Deutscher führte. Deshalb wurde der 8. Mai in Deutschland über einen langen Zeitraum nicht von allen Teilen der Bevölkerung als Tag der Befreiung gesehen. Hinzu kam noch, dass es in Anbetracht der Aufteilung Deutschlands ebenso zu beträchtlichen Unterschieden in der Wahrnehmung des 8. Mai zwischen Ost und West kam. Während der 8. Mai in der DDR zwischen 1950 und 1966 und dem Jahr 1985 bereits unter dem Namen „Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus durch die Rote Armee“ erinnerungspolitisch eindeutig besetzt war und als gesetzlicher Feiertag galt, so tat sich Westdeutschland lange Zeit schwer mit dem 8. Mai. Bis 1985 fand der 8. Mai in der BRD nur wenig Beachtung und wurde teilweise sogar als Tag der Niederlage und des Zusammenbruchs gesehen. Erst die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag am 8. Mai 1985 brachte ein Umdenken. Die in der Nachkriegszeit vorherrschende Wahrnehmung als Kapitulation und Niederlage, sollte von der Wahrnehmung des 8. Mai als Tag der Befreiung vom Krieg und der nationalsozialistischen Diktatur abgelöst werden. Er prägte somit den Begriff „Tag der Befreiung“, stellte im gleichen Zuge jedoch klar, dass es trotz dessen kein Tag zum Feiern ist.

Auch wenn die Bezeichnung des 8. Mai als „Tag der Befreiung“ in Deutschland noch bis in die heutige Zeit nicht unumstritten ist, so hat sie sich im Laufe der Zeit immer mehr etabliert. Die Wahrnehmung des 8. Mai hat sich im Verlauf der deutschen Geschichte einem erheblichen Wandel unterzogen. Spätestens seit der Rede Richard von Weizsäckers im Jahre 1985 wurde ein neuer Grundtenor in der Erinnerungskultur in Deutschland geschaffen, der zum Nachdenken anregen soll.

Denn kein anderer Tag in der deutschen Geschichte ist in seiner Bedeutung und seinen zugrundeliegenden Geschehnissen so von Widersprüchlichkeiten geprägt, wie der 8. Mai. Viele unterschiedliche Wahrnehmungen und Blickwinkel auf die Geschehnisse im Jahr 1945 machen es schwer, eine einheitliche Bezeichnung für den 8. Mai festzulegen. Klar ist jedoch, dass der 8. Mai sehr wohl als Tag der Befreiung gelten kann. Die Befreiung der überlebenden Insassen aus den Konzentrationslagern sowie die Befreiung der von deutschen Truppen besetzten Länder und das Ende des Faschismus in Deutschland und Europa spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle.

Der 8. Mai sollte ein Tag des Gedenkens an das Kriegsende, die Niederlage und die Befreiung zugleich sein. Auch die Bezeichnung des 8. Mai als „Tag der Befreiung“ darf nicht als Flucht vor der Vergangenheit gesehen werden, sondern als Einstehen für das Geschehene. Als tiefer Einschnitt in die deutsche Geschichte wird er immer ein Teil von uns bleiben, das lässt sich nicht verleugnen. Ein Bestandteil, der das Leben und die Zusammenarbeit in Europa und auf der ganzen Welt bis heute prägt. Erst durch die damalige Niederlage und die darauffolgenden Entwicklungen konnte sich ein Gefühl des Zusammenhalts und der Einigkeit entwickeln. Davon zeugt einerseits die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und andererseits das geeinte Europa sowie die Zusammenarbeit zwischen den einst verfeindeten Ländern. Das ist aber nicht der eigentliche Grund, den 8. Mai als Feiertag zu begehen.

Viel wichtiger ist es, das richtige Erinnern zu erlernen. Zu lernen mit den Fehlern aus der Vergangenheit umzugehen und sich nicht dahinter zu verstecken. Das gilt für alle Menschen auf der Welt. Der 8. Mai kann hier ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für Zusammenhalt, Einigkeit und Zusammenarbeit, auch in schwierigen Zeiten. Es darf nicht in Vergessenheit geraten, was damals geschah und doch sollten wir uns nicht vollständig davon in Besitz nehmen lassen. Vielmehr sollten wir an den Fehlern wachsen und uns erinnern.

Michelle Drescher (md)